Schauen wir mal, wie die Geschichte weiter geht. Popcorn bereit?

Prima!
Ein, zwei Gläser Wein später.
Urs, der zwischenzeitlich auf Bier umgestiegen war, war guter Stimmung und erzählte munter drauflos. Geralt hingegen hatte sich in altbewährter Manier auf's Schweigen und Zuhören verlegt.
„Weißt du, Geralt, ich weiß ja nicht, wie das bei euch in der Hexerschule war, aber ich kann dir sagen: Kaer Almhult ist kein schöner Platz für sowas! Die Festung ist im Winter, wenn die Stürme über die Skelligen ziehen, die Hölle. Wir hielten es ja nicht so streng, aber wir haben ein altes Buch mit Berichten von früher gefunden. Die Schüler schliefen damals wohl zeitweise in Himmelszellen (Anm. d. Red.: die gleichen wie in GoT), um eine Selektion durchzuführen. Viele überlebten nicht einmal eine Woche...“
Geralt nickte zustimmend. „Oh ja, das glaube ich gerne! Die Himmelszellen sind mir bekannt, da wohnt es sich nicht besonders komfortabel...“
Der Bärenhexer machte ein verwundertes Gesicht. „Wie willst du das wissen?!“
„Nun ja“, Geralt kratzte sich am Kopf und grinste schief, „der Jarl von Undvik hatte eine reizende Tochter... Er hat uns... äh... inflagranti erwischt. Du verstehst?! Und daraufhin kam er zu der Meinung, eine Himmelszelle sei für mich ein besserer Ort als das Schlafzimmer seiner Tochter... “
Urs schaute verwundert aus der Wäsche. „Aber die Zeit, in der die Festung ein Gefängnis war, ist ewig her. Wie kann das sein?“
„Na ja“, gab Geralt zurück, „ich bin ja auch schon ein ziemlich alter Wolf...“
„Und wie bist du da wieder heraus gekommen? Eine Flucht ist bislang niemandem gelungen, soweit ich weiß.“
„Ach weißt du... Das reizende Fräulein war erfreulicherweise genau umgekehrter Meinung als ihr Vater. Und Jarlstöchter können sehr überzeugend sein, besonders diese hier... Und so durfte ich bereits nach 2 Tagen den Schlafplatz wieder wechseln. Was weitaus angenehmer war, muss ich gestehen.“ Der Hexer grinste breit, in Erinnerungen schwelgend.
Urs nahm einen kräftigen Schluck Bier. Langsam aber sicher stieg im der Alkohol zu Kopf.
Herausfordernd schielte er zu dem Wolf hinüber.
„Sag mal, Geralt, da ist eine Sache, die mich schon den ganzen Abend beschäftigt...“
Sein Gegenüber, in Gedanken scheinbar noch bei der Jarlstochter, wunderte sich. „Hm? Was denn?“
„Na ja...“, Urs schaute sich im Zimmer um. „Diese Wohnstatt hier. Kam mir gleich irgendwie komisch vor. Ein rosa Einhorn, sonderbare Bücher mit bunten Bildern (er meint den Quibbler). Und dann dieses Gemälde....“
„Ja und? Was soll damit sein?!“
„Ich weiß ja nicht... in MEINER Schule hatte niemand so etwas.“ Urs kicherte albern. „Wir hatten ja mehr so... Hexerkram.“
Jetzt lag der Wolf auf der Lauer. „Hexerkram??? Was willst du damit sagen?“, knurrte er.
„Jaaa. So Schwerter, halt. Äxte und so Sachen. Alchemie-Zeugs. Kräuter. Sowas eben. Hexerkram. Und hier? Keine Schwerter, auch im Wald hattest du keins dabei. Eine Rüstung trägst du auch nicht. Dafür Einhörner auf dem Kaminsims und ein Aktgemälde! Schon seltsam, findest du nicht? Kommt mir die ganze Zeit schon schräg vor.“
Urs grinste frech. „Aber als du die Geschichte mit der Jarls-Tochter aufgetischt hast, ist der Kopper gefallen. Auf Undvik erzählen sie nämlich genau die gleiche Geschichte! Allerdings mit einer etwas anderen Pointe. Sie sagen, dieser „Hexer“ sei nichts anderes gewesen als ein verdammt cleverer Schwindler, der den Leuten das Geld aus der Tasche log und in den Tavernen damit angegeben hat, den Jarl über's Ohr gehauen zu haben.
Nun frage ich mich, ob es vielleicht sein kann, dass der liebe Urs dem gleichen Spaßvogel auf den Leim gegangen ist? Du sagst ja gar nichts? Gib zu, ich hab' dich durchschaut!“
Sein Gegenüber war inzwischen zum Kamin gewandert, betrachtete versonnen das Gemälde an der Wand und schwieg sich aus.
Urs freute sich diebisch, nahm noch einen kräftigen Schluck aus dem Bierglas und gluckste vor Lachen leise vor sich hin. „Ha! Haha! Von wegen „weißer Wolf“! Du hast mich ganz schön dran gekriegt, ich hab's tatsächlich geglaubt! Wollte sogar bei dir in die Lehre gehen. Clever, mein Lieber, sehr clever! Aber keine Angst, ich verpetze dich nicht, die Geschichte ist zu köstlich, und ich hab zu Hause viel zu erzählen!“
„Tja, da hast du mich wohl enttarnt. So was Dummes aber auch...“ Geralt grinste schief. „Jaaa, da hast du in der Tat zu Hause viel zu erzählen. Aber weißt du was? Mir kommt gerade eine großartige Idee!
Wie wäre es, wenn du zu Hause erzählen könntest, du hättest nicht nur diesen alten Schwindler enttarnt, sondern ihn obendrein auch noch ordentlich verdroschen, weil er dich übers Ohr gehauen hat?!“
Urs begriff nicht gleich. „Wie meinst du das?“
„Na ja, wir könnten uns morgen früh im Burghof treffen. Du bringst deine Waffe mit (was immer du dafür hältst) und ich auch. Und dann sehen wir mal, wer besser beißen kann: ein alter Wolf oder ein junger Bär.“
„Du meinst, du willst dich mit mir schlagen?! Du forderst mich heraus? Ernsthaft?“ Urs war sichtlich amüsiert. „Ha, das wäre in der Tat ein Possenspiel! Du willst dich allen ernstes mit MIR messen? Ich bin mindestens 30 Jahre jünger und in Topform! Bist du sicher, alter Mann, dass du dich mit einem ECHTEN Hexer messen willst?“
Geralt guckte ihn scheel an. „Willst du kneifen? Auch gut. Dann erzähle ich allen, dass der große Bärenhexer sich vor alten Männern fürchtet!“
„Von wegen!!! Morgen früh! Ich bringe meine Axt mit! Und du? Vielleicht eine Krankenschwester! Ha, das wird ein Spaß!!! Darauf sollten wir trinken! Los, komm schon, es könnte deine letzte Runde sein!“
Aber Geralt schüttelte den Kopf. „Nein, ich sollte nichts mehr trinken. Weißt du, ich hab schon genug getrunken, und alte Leute brauchen ihren Schlaf. Daher muss ich dich jetzt bitten zu gehen. Wir sehen uns morgen.“
„Haha, ja, bis morgen! Das wird lustig!“ Urs nahm noch einen Schluck, dann trollte er sich in sein Nachtquartier. Sein Lachen war noch eine ganze Weile in den Gängen zu hören.
Geralt wartete, bis der Bär verschwunden war. Er schenkte sich ein wenig Wein nach, machte es sich im Sessel bequem und lies versonnen den Blick durchs Zimmer schweifen. Bei dem Gemälde blieb er hängen und prostete seinem Konterfei zu. „Auf uns beide, alter Mann!“
Zufrieden grinsend lehnte er sich zurück. „Ich glaube, das wird ein sehr spaßiger Vormittag!“
